Rechtzeitig

Feddersen lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit zur Arbeit, aß in der Kantine zur gleichen Zeit zu Mittag. An einem Donnerstag im November verließ Feddersen seine Arbeitsstelle wie immer pünktlich um 17.30 Uhr. Der Pförtner in der Eingangshalle sagte:"Pünktlich wie immer, Herr Feddersen." "Stimmt genau", sagte Feddersen und lachte freundlich, "auf Wiedersehen". Diese feste Struktur in seinem Tagesablauf gab ihm Orientierung? und die hatte er im Alltag bitter nötig. 

Nachdem er die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Feddersen in einen Bus der Linie 60. Dabei wechselte er ein paar freundliche Worte mit dem Busfahrer Willy Otremba, den er schon seit Jahren kannte. Feddersen ging zu seinem Stammplatz, nahe der hinteren Tür, erst als er saß, fuhr Otremba an. Gerade als Feddersen sein Buch heraus geholt hat, stutzte er. Seit fünfzehn Jahren benutzte er diesen Bus, wann immer es möglich war, saß er auf diesem Platz.  Aber so ein Geräusch war ihm noch nie aufgefallen. Ein tiefes Brummen von der Abgasanlage, das war er gewohnt. Nun gesellte sich ein unangenehm klingendes leises Zischen hinzu, dann ein Knistern: Feddersen erschrak, als ihm einfiel, woher er das kannte ? wenn der Bullerofen seiner Oma früher Luftmangel hatte und dann den Sauerstoff durch kleine Spalten einsog und daraufhin die Flammen wieder hochschossen - das war es!

Feddersen war starr vor Angst. Sollte er laut rufen? Otremba informieren? Es war nur ein leises Geräusch, das außer ihm sicher keiner gehört hatte! Wenn der Fahrer deswegen den Bus anhielt und der Plan nicht eingehalten wurde, würden viele Passagiere am Bahnhof keinen Anschluss haben - er eingeschlossen. Es war so schwierig für ihn, wenn seine Routine gestört war, alternative Fahrpläne und Buslinien herauszusuchen war eine komplizierte Angelegenheit. Und konnte das Geräusch nicht auch ganz harmlos sein? Wenn er wegen nichts den Bus aufhielt, würden alle auf ihn böse sein. Vielleicht löste er sogar eine Panik aus. Feddersen atmete tief durch und - da war es wieder. Etwas lauter, fordernder.

Zögerlich, immer noch nicht ganz von seinem Vorhaben überzeugt, zog er sich an der Haltestange hoch. Weil der Bus so schwankte, hangelte er sich von Sitzreihe zu Sitzreihe.

Er versuchte leise zu sprechen: "Herr Otremba, da ist ein Geräusch hinten, an der Abgasanlage des Busses, das sich ungut anhört." Wie blöd das klang! Wie ein kleines Kind, das im Dunklen Monster sieht! Er schämte sich schon jetzt für seinen Entschluss. "Herr Feddersen, ich denke, es ist alles in Ordnung. Unsere Busse werden regelmäßig regelmäßig gewartet!"  Feddersen wurde ganz rot vor Scham. Aber auch entschlossener. "Herr Otremba, ich habe ein sehr feines Gehör. Und dieses Geräusch ist sehr ungewöhnlich. Sie kennen mich doch, ich würde niemals den Fahrplan durcheinander bringen wollen. Bitte sehen sie kurz nach!" Der Busfahrer seufzte. Überzeugt davon, dass nichts sei, er aber diesem lieben, besorgten Stammpassagier den Gefallen tun wollte, schal-tete Otremba an der nächsten roten Ampel den Warnblinker ein und verließ den Bus. Sekunden vergingen und er stürmte wieder hinein, öffnete die Hintertür und griff zum Mikrofon: "Alle müssen sofort den Bus verlassen. Beeilen sie sich bitte, aber drängeln sie nicht!" Er gab Feddersen die Hand und führte ihn als ersten aus der Vordertür. Die zwanzig Passagiere verließen zügig den Bus, als auf der linken Seite eine hohe Stichflamme das Fenster, an dem Feddersen gesessen hatte, zerbersten ließ. Leute schrien, der Busfahrer rief über sein Handy die Feuerwehr.

Feddersen wirkte zwischen den chaotischen und panischen Leuten ein wenig verloren. Ein junger Mann kam auf ihn zu und sagte: "Das gehört ihnen, glaube ich? Danke, dass sie so schnell gehandelt haben! Das hätte sonst ganz schlimm für uns ausgehen können!" Er gab Feddersen den anderthalb Meter langen weißen Blindenstock zurück in die Hand und schlug ihm anerkennend auf die Schulter.