Pandora

Mit einem leisen, aber bestimmten "Klong" landete der Ehering aus Silvias Hand auf dem Küchentisch. Einsam lag er da, der geschliffene Brilliant brach das Licht der Strahler über der Arbeitsfläche in winzige Regenbögen. Der gebürstete  Edelstahl der Küchengeräte deutete durch seine kühle sterile Sauberkeit an, dass hier selten gearbeitet und noch seltener gelebt wurde.

Sie ging aus der Küche in das Atelier, mit seinen bodentiefen Fenstern. Wie immer überwältigte sie der Ausblick. Es war fast Mitternacht, aber stets waren die Konturen Berlins von unzähligen Lichtern wie von Sternen nachgezogen. Die breiten Bänder der Einfallsstraßen, auf denen die Autos mit paarigen Leuchten fuhren, schienen wie Perlen einer zweireihigen Kette, die sich unablässig drehte. Chaotisches Gewusel von Spaziergängern, die wie Schattenwesen vor den Schaufenstern auftauchten und wieder unkenntlich im Dunkel verschwanden. Fast meinte man, aus dem Meer der Bewegung Stimmen zu hören, Hupen, Schreie, röhrende Autos. Sie starrte  aus der stillen Blase der Wohnung hinaus in das pulsierende Leben, als hätte das gar nichts mit ihr zu tun, sie war isoliert, beobachtend, nicht eingreifend, alles ertragend. Das sollte sich heute Abend ändern.

Es war der Moment gewesen, als sie den Telefonhörer auflegte.

"Was hast du zu verlieren?", hatte Mom gesagt. "Alles", hatte sie geantwortet und das Gespräch abgebrochen, bevor diese endlose Diskussion von Neuem anfing. Aber dieses Mal, in diesem Moment war es anders gewesen. Plötzlich wuchs da die Erkenntnis in ihr, dass es weit mehr zu verlieren gab als das "Alles".

Sie nahm den Anblick der Stadt tief in sich auf, wandte sich um und strich mit den Fingern über den großen und ausladenden Mahagonitisch, der in dem großen Zimmern alle Aufmerksamkeit beanspruchte. Ein wirkliches Schmuckstück, eine Antiquität, für dessen Wert andere sich ein Familienauto kauften. Auch die Schränke und Regale an den Wänden waren aus Mahagoni. Sie bargen wenige Schätze von Silvia, die sie nun zärtlich berührte: Eine grüne Muschel von den Philippinen, aufgelesen von dem Strand an dem Abend, als Michael ihr den Heiratsantrag machte. Ein großes Foto in einem Goldrahmen, sie und er als Brautpaar, strahlend vor Glück in das Zimmer lachend. Sie in einem Brautkleid, das so teuer war, dass sie sich dafür geschämt hatte. Aber wenn der Juniorchef eines Immobilienimperiums heiratet, dann muss das standesgemäß gefeiert werden. Dann muss auch die Braut standesgemäß aussehen.  Dann wird auch die Schwiegermutter des Bräutigams standesgemäß in Designerkleidung gesteckt, auch wenn sie noch so sehr protestiert, dass ihr Hosenanzug ja die ganze Jahresrente wert sei.

So ein strahlendes, ehrliches Lachen auf dem Bild ? kein Jahr sollte es dauern, bis er das erste Mal so spät nach Hause kam, wie es jetzt seine Gewohnheit geworden war. Es war wenige Wochen vor Anjas Geburt und Silvia nahm sofort den fremden schwachen Parfumgeruch an Michael wahr. Auch seinem Hemd, sonst immer tadellos gebügelt, sah man die Tortur an, als wäre es rasch ausgezogen, leidenschaftlich in eine Ecke gepfeffert worden und dort unbeachtet erkaltet. Schließlich wieder schnell übergestreift, um den Duft zweier erregter Personen aufzusaugen.

Auseinandersetzungen, Liebesschwüre, Tränen und Gewöhnung waren die unbefriedigenden Folgen.

Als sie das Gästezimmer betrat, um sich eine Strickjacke umzulegen fiel ihr Blick auf das Bett, ordentlich aufgeschlagen. In den letzten Monaten hatte sie hier geschlafen, das gemeinsame Ehebett nur noch beim Wechsel der Bettwäsche berührt. Hier hatte sie wachgelegen, Nacht für Nacht und in ihren Kopf gelauscht, wie in einem quälenden sich ständig wiederholenden Mühlrad, geschaffen um ihren Verstand und Lebensmut zu zermalmen, präsentierte es unablässig die gleichen Fragen: Was wird aus uns? Was wird aus uns, wenn ich gehe und alles verliere, Michael, seine Unterstützung, den Job, den er mir besorgt hat?Was geschieht, wenn ich gehe, was wenn ich bleibe? Braucht Anja nicht einen Vater? Braucht Anja denn so einen Vater? Ohne anzuhalten drehte sich das Mühlrad, angetrieben von den gewaltigen Kräften der Angst vor der Veränderung und der Angst, dass sich nichts verändert. Heute war es endlich zum Stillstand gekommen.

Sie schluckte die Tränen hinunter und ging wieder in den Flur, es wurde Zeit. Sie zog den wetterfesten Mantel über, der Trolley mit Anjas Sachen stand schon vor der Tür des Penthouses. Leise trat sie in das Kinderzimmer ein und lächelte in das Bett ihrer Tochter. Mit geübten Griffen wickelte sie das Baby in eine weiche Kuscheldecke und zog ihm eine Mütze auf, dann nahm sie es auf den Arm und legte das kleine, schlafwarme Köpfchen in die weiche Mulde zwischen Hals und Schulter. 

Als Silvia die Wohnung verließ, zog sie die Tür mit einem kräftigen Ruck am Knauf zu. Der Ruck durchdrang sie förmlich, als wenn ihr zerrissenes Herz dadurch ein Stück zusammen wuchs, und es zunächst zögerlich, dann kräftiger in seinen einst energischen Lebensrhythmus zurückfand. Sie packte das Kind und den Trolley fest, nahm den Fahrstuhl nach unten und trat auf das Taxi zu. Als sie die frische feuchte Luft spürte und den Lärm der Großstadt um sich herum branden hörte, lächelte sie, fast ein wenig trotzig, unter ihren Tränen.